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Innerlich schief

Schiefer Turm von Pisa

Manchmal kommen Patienten in meine Praxis, die ein wenig greifbares, aber reales Problem haben. Sie sagen: “Ich fühle mich innerlich schief.” Sie haben ein Störgefühl auf einer Seite, das schmerzt, sich hart anfühlt, stört. Viele empfinden es so, als ziehe eine Seite hinunter – aber nach außen ist das nicht sichtbar.

Zunächst: Menschen sind nicht symmetrisch. Wir haben fast alle eine sogenannte Schokoladenseite, auf der uns Dinge leichter fallen und wo wir mehr Kraft haben – als Rechtshänderin ist meine rechte Seite stärker und stabiler. Diese Asymmetrie allein ist keine zwingende Voraussetzung dafür, dass ich mich innerlich „off‟ fühle.

Schiefe Beschwerden

Die häufigten Beschwerden dieser Patienten:

  1. seitenbetont:Es gibt eine “Schokoladen-” und eine “Schlagseite”: Patienten tun sich etwa immer auf derselben Seite weh
  2. Verspannung: Die einfachste Methode des Körpers, um Spannung zu kompensieren, ist Rotation. Um eine innerliche Verspannung zu lockern, dreht der Körper – meist unbewusst – in die Richtung der Verspannung. Diese Methode ist äußerst effizient, hat aber zur Folge, dass an anderer Stelle eine erhöhte Verspanung entsteht und zu weiteren Problemen führt.
  3. Neben Rotation sind weitere Methoden der Kompensation Strecken, Beugen, Seitneigung. Diese sind allerdings mit mehr Energieaufwand verbunden und kommen nicht so häufig vor wie Rotationen.

Betroffene Regionen

Beschwerden sind gleichzeitig in Armen und Beinen möglich, auch wenn dies aus anatomischer Sicht unsinnig erscheint:

Es gibt keine Nerven, die vom Arm ins Bein verlaufen. Daher gibt es auf den ersten Blick keinen direkten anatomischen Zusammenhang zwischen Armen und Beinen, die separat über die Wirbelsäule mit Nervenstruktur versorgt werden.

Doch über die Theorie der Spannungskommunikation ergibt das Sinn: Beschwerden können gleichzeitig in Armen und Beinen auftauchen, sei es auf derselben Seite (Arm und Bein rechts) oder über Kreuz (linker Arm, rechtes Bein).

Seite und Intensität zwischen Arm und Bein können dabei wechseln.

Ursachen des innerlich schief seins

Für dieses Gefühl des “Off-Seins” gibt es verschiedene Ursachen: Es kann sich anschleichen, ohne an ein Ereignis gekoppelt zu sein. Oder es tritt plötzlich auf, etwa verursacht durch ein Trauma.

Ein Blick auf die Anatomie: Die Wirbelsäule ist über die Hirnhäute (Dura) mit Hirn und Rückenmark, sowie dem Kreuzbein verbunden. Die Dura ist eine Membran ohne elastischen Fasern. Spannung wird daher nicht abgefedert, sondern 1:1 nach oben oder unten weitergeleitet.

Da im Rückenmark der Ursprung der Spinalnerven liegt, die die Extremitäten und Wirbelsäule versorgen, können Verspannungen über die Wirbelsäule hinaus Probleme verursachen – eben auch in Armen, Beinen oder Kopf.

Diese Form der Verspannung folgt keiner anatomisch erklärbaren Regel. Hier gelangen wir an die Schwelle von Schulmedizin zu Osteopathie. [Wir erklären dieses Phänomen anhand der sog. Spannungskommunikation.]

Probleme und Sorgen

Patienten sind meist verzweifelt, weil sie nicht wissen, wie ihr Problem greifbar ist. Im schulmedizinischen Kontext werden diese Patienten tendenziell an die Psychologie verwiesen. Zudem ist diese Verspannung nicht sichtbar; sie muss nicht zwingend mit Wirbelblockaden einhergehen, die man auf einem Röntgenbild sehen könnte. Beim Fühlen müssen wir uns als Therapeuten daher ganz tief darauf einlassen, um sie zu erspüren.

Typische Anlaufstellen

Menschen mit solchen Beschwerden suchen in der Regel HNO-Ärzte, Augenärzte, Orthopäden oder Neurologen auf. Dort bleibt der Besuch meist ohne klaren Befund.

Therapie beim Gefühl innerlich schief zu sein

Oberste Priorität: Die Atmung

In der Osteopathie liegt unser Hauptaugenmerk auf der Atmung. Dies ist der Startpunkt der osteopathischen Untersuchung. Leitfrage:

Verläuft die innere Bewegung des Zwechfells, unseres Hauptatemmuskels, harmonisch?

Diese innere Bewegung der Mitte erfolgt unwillkürlich rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr, auch im Schlaf. Hat diese Mitte jedoch bereits “Schlagseite” oder ist verzogen, kann der Körper nicht “rund” laufen.

Wenn wir sagen, die Mitte muss stimmig sein, gibt es dafür kein einheitliches Maß. Die Bewegung ist höchst individuell und muss zur jeweiligen Person passen. Das kann für jede Person anders aussehen, darf aber nicht zu viel sein. Kleinere Abweichungen kann der Körper meist tolerieren. Zuviele davon oder eine starke Blockade häufig leider nicht mehr.

In der Therapie wollen wir daher Zwechfell und Zentralgeflecht harmonisieren, um die dynamische Balance aus An- und Entspannung, Ausdehen und Zusammenziehen des Zwechfells wiederherzustellen.

Im nächsten Therapieschritt behandeln wir die Spannung in den entfernter gelegenen Extremitäten, ganz im Sinne von “Die Kraft kommt aus der Mitte”.

Priorität 2: Die knöcherne Umgebung des Körperstamms

Nachdem wir uns der Atmung gewidmet haben, kontrollieren und lösen wir die umliegenden knöcherne Bereiche:

  • Kopf, Wirbelsäule und Brustkorb
  • Becken und Schultergürtel

Priorität 3: Arme und Beine

Zuletzt untersuchen wir diejenigen Stellen, an denen die Probleme besonders häufig spürbar auftreten – Die Arme und Beine. Wenn wir die Ursachen im Prio 1 und 2 Bereich behoben haben, so verschwinden die Beschwerden meist mit ein paar Tagen Zeitverzögerung in den entfernter gelegenen Strukturen wie Armen, und Beinen.

Fazit

Wenn Sie sich hier wiederfinden, weil auch Sie spürbare, aber nicht auffindbare Beschwerden haben, könnte Osteopathie Klarheit bringen. Hören Sie auf Ihren Körper und nehmen Sie ihn ernst.

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