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Wie Ängste auf das Zwerchfell wirken

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Ängste sind der Auslöser für einen Großteil von körperlichen funktionellen Erkrankungen. Damit sind Beschwerden gemeint, mit denen Patienten in die osteopathische Praxis kommen. Ängste verändern die Art und Weise, wie wir atmen, und wirken auf den wichtigsten Atemmuskel: das Zwerchfell.

In Zeiten multipler globaler Krisen (Corona, Kriege, Klima) fällt es uns zunehmend schwer, positiv und gelassen zu bleiben. Eine negative Nachrichtenlage, schwierige Wirtschaftssituation und zunehmende Aggressivität im Straßenverkehr schüren Ängste und Nervosität. Wir werden dünnhäutiger, lassen uns leichter provozieren und stehen nicht mehr so gut über den Dingen wie früher.

Wir widmen uns in diesem Artikel daher dem großen Feld der Ängste, welchen Einfluss sie auf das Zwerchfell nehmen und was Osteopathie dabei bewirken kann.

Biologisch gesehen ist Angst eine uralte, urmenschliche Reaktion, die auf der körperlichen Ebene stattfindet. Sie äußert sich in fight or flight: Kampf oder Flucht (Bild: Säbelzahntiger steht plötzlich vor mir. Ich entscheide: Trete ich in den Kampf oder die Flucht an?)

Der Säbelzahntiger ist somit der Stressor, also der Auslöser für den Stress. Stress ist in diesem Zusammenhang ein anderes Wort für Angst, genauer eine Form der Existenzangst geprägt durch den Urinstinkt des Überlebenswillens.

Der Stress oder die Angst äußert sich in erhöhtem Blutdruck, erhöhter Atemfrequenz durch schnellere Bewegungen unseres Hauptatemmuskels Zwerchfell, Anstieg des Muskeltonus und vermehrter Ausschüttung von Stresshormonen.

Diese normale Reaktion läuft vollautomatisch ab, wir können uns ihrer nicht erwehren. Sie ist genetisch veranlagt und sichert uns seit Jahrtausenden das Überleben – ein klassischer Schutzmechanismus. Denn so haben wir mehr Energie und schärfere Sinne, um zu fliehen oder zu kämpfen. Die Aufmerksamkeit wird fokussiert auf diesen einen Moment, diesen einen Gegner.

Im Normalfall sinken alle erhöhten Pegel wieder auf Normalnull, sobald die akute Gefahrenlage gebannt ist. Doch was passiert, wenn diese Anspannung nicht nachlässt? Wenn der Stressor nicht verschwindet, die Angst allgegenwärtig ist?

Angst ist ein subjektiv empfundener Zustand, der sich körperlich ausdrückt. Meist ist das größte Problem mit der Angst die Angst vor der Angst.

Angst zu empfinden, ist eigentlich unproblematisch. Zum Problem wird sie erst dann, wenn sie chronisch wird: Wenn also der Reiz (Trigger oder Stressor), der diese Angst auslöst, nicht wieder abebbt. Dann können die ausgelösten körperlichen Symptome ebensowenig abebben.

In diesem Fall schaltet der Körper nicht in den Normalzustand, sondern verharrt in diesem angespannten Angstzustand. Diese Menschen sind gestresster und zeigen häufig dieselben Symptome, wenn sie in die osteopathische Praxis kommen.

Gängige Ängste

  • Verlustangst
  • Existenzangst
  • Angst vor dem Unbekannten/Neuen
  • Angst vor Isoliertheit
  • FOMO (Fear Of Missing Out, deutsch Angst, etwas zu verpassen)

In besonders heftigen Fällen können Angstzustände sich in Panikattacken mit heftigen körperlichen Symptomen äußern. Manche Menschen erleben Ängste als Engegefühl in der Brust einhergehend mit Schwindel, vermehrter Schweißproduktion und Übelkeit – dann ist der Vagusnerv betroffen, der über das Herz durch das Zentralgeflecht und Zwerchfell führt.

Gedanken und Gefühle sind nicht sicht- oder greifbar. Sie existieren „nur“ in unserem Inneren und sind dennoch real: Ebenso wie der Kampf-und-Flucht-Reflex können sie Muskelspannung auslösen. Sie sind verantwortlich für chronische Überlastung und Überforderung, die viele Menschen empfinden.

Existenzängste halten meist längerfristig an. Selbst wenn diese Angst rein rational gesehen unbegründet ist, weil etwa staatliche Auffangmechanismen greifen, hat sie eine enorme Wirkung. Somit können auch Gedanken und Gefühle dieselbe Alarmbereitschaft und dieselben Reaktionen in uns auslösen wie bei einer objektiv begründeten Angst.

Das Zwerchfell spielt als unser Hauptatemmuskel eine zentrale Rolle bei der Ausbalancierung von Ängsten. Um optimal zu funktionieren, muss das Zwerchfell harmonisch und ausgewogen arbeiten und sich voll ausdehnen können. Dazu zählen Faktoren wie Richtung, Amplitude, Rhythmus, Tiefe der Atmung. Dieses empfindliche Zusammenspiel kann durch Ängste in alle Richtungen gestört werden, was die Beweglichkeit des Zwerchfells und des Zentralgeflechts einschränkt.

Teufelskreis und Sympathikus

Eine eingeschränkte Beweglichkeit äußert sich gerade bei Stress in schnellem, flachen Atmen. Dies wiederum triggert das sympathische Nervensystem – denjenigen Teil, der für Kampf und Flucht zuständig ist: Es stimuliert die Nerven, die in der Nähe der Rippenköpfchen und Brustwirbelsäule liegen.

Dies führt zu noch mehr Stress auf körperlicher Ebene und verspannt noch mehr Muskeln. Ein Teufelskreis. [Siehe Trommelfeueratmung und wie Stress auf das Zentralgeflecht wirkt]

Die Atmung spielt eine zentrale Rolle für unser Wohlbefinden. Ihre Besonderheit: Während wir Puls und Blutdruck kaum bis gar nicht bewusst beeinflussen können, lässt sich der Atem zumindest in Teilen willentlich steuern. Wir können uns aktiv gegen die hektische, oberflächliche Trommelfeueratmung und für eine bewusste, tiefe Atmung entscheiden.

Dies beruhigt den Sympathikus und stimuliert den Parasympathikus, der für Ruhe und Klarheit sorgt. Dies gelingt vor allem in Situationen, in denen wir rational verstehen, dass die empfundene Angst eher unbegründet ist.

Über die Atmung lassen sich somit in bestimmtem Umfang Ängste kontrollieren. Bei Angsttherapien etwa spielen Atem und -techniken eine zentrale Rolle. Dies zeigt, wie wichtig der Atem als Bindeglied von Körper, Geist und Emotionen ist.

Mögliche Störungen

Funktionelle Störungen, die aus Ängsten resultieren und die Atmung betreffen:

Unter der Oberfläche unserer Körper-Vorderseite liegt eine lange, reaktionsstarke Faszienkette. In einer Schrecksituation etwa zuckt diese Kette zusammen, wir machen uns klein. Die schnell reagierenden Fasern werden bei Ängsten getriggert, um die Angriffsfläche zu verkleinern.

Anders gesagt: Angst macht uns klein. Dahinter steckt der Urtrieb, vitale Organe zu schützen (Zentralgeflecht, Thorax, Bauch). Die Reaktion lässt mit Ende der Schrecksituation wieder nach.

Diese Kette ist aber nicht nur bei akuten, plötzlichen Ängsten reaktionsstark. Auch bei chronischen Ängsten tritt sie in Aktion, wenngleich subtiler: Die Angst triggert die Faszienkette in geringem Ausmaß, dafür ununterbrochen.

Die Biomechanik der Angst

Biomechanisch passiert nun Folgendes: Auf den Schreck hin zucken wir zusammen, die Vorderseite des Körpers macht zu, wir krümmen uns. Dadurch werden Bauch- und Brustraum komprimiert, der Rücken jedoch überdehnt. Dies verändert das Druckverhältnis im Oberkörper, was wiederum die Funktionsfähigkeit des Zentralgeflechts beeinträchtigt.

Ein Problem lässt sich nur lösen, sobald wir verstehen, woher es kommt. Dann erst können wir es besser begreifen und anpacken. Der erste Schritt zu Besserung ist somit die Erkenntnis.

Die Lösung erfolgt letztlich von innen durch Erkenntnis in Kombination mit Bewegung, die dem Körper suggeriert: Es ist alles wieder gut. Wir können unseren Körper liebevoll „austricksen“, indem wir besonnen atmen (à Besonnenheit / Sophrosyne).

Das Tool Atmung können wir uns jederzeit bewusst zunutze machen.

Ohne Hintergrundwissen ist es schwierig, Probleme anzugehen. Deswegen ist bei uns in der osteopathischen Praxis das Gespräch so wichtig:

Wir Therapeuten hören meist bereits in der Anamnese (Erstgespräch), dass mehr hinter einer körperlichen Beschwerde steckt. Angstprobleme erkennen wir in der Praxis daran, dass sie eine emotionale Verbindung und nicht nur einen rein körperlichen Bezug haben. Manchmal platzt es auch den Menschen auch einfach heraus, dass ihnen etwas zu schaffen macht.

Spürbar wird dies häufig im Sinne einer ganzkörperlichen Spannung. Ein einfacher Test: Der Patient liegt auf dem Rücken und hebt ein Bein hoch. Wenn ich ihn auffordere, das Bein locker fallenzulassen während es von mir gehalten wird, gelingt ihm das nicht. Er kann nicht loslassen und Spannung abgeben. Ergebnis: Das Bein bleibt mehr in der Schwebe, statt schwer bzw. entspannt in die Unterstützung zu fallen.

Therapeutische Herangehensweise

Wir versuchen, gemeinsam mit den Patienten zu ermitteln: Woher kommt die Angst? Was ist der Trigger/Stressor?

Bestehen Ängste über einen langen Zeitraum, werden sie nicht mehr wahrgenommen – sondern sind Teil des Alltags. Daher tauchen wir in der Sitzung in den Körper ein, um die Spannung wieder er-lebbar zu machen. Durch gezielte Berührung in der Tiefe finden wir die Spannung und lösen sie auf.

Dafür ist erforderlich, dass der Patient sie spüren kann.

Der Fokus für die Behandlung liegt auf dem Zwerchfell. Es ist gleichzeitig das Messwerkzeug für den Erfolg unserer Therapie. Gerne „verschreiben“ wir Angstpatienten Übungen für Atemwahrnehmung, -übungen, Stretching.


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