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Beinlängendifferenz

Ein Unterschied in der Beinlänge beeinflusst die Gesundheit.

Wann ein Bein tatsächlich länger ist als das andere – und wann nicht: Hier gehen wir dem Unterschied zwischen funktioneller und absoluter Beinlängendifferenz nach.

Dem Begriff der Beinlängendifferenz liegt der weitverbreitete Irrglaube zugrunde, dass es sich im Wortsinne um verschieden lange Beine handelt. Dies ist lediglich bei einem verschwindend geringen Prozentsatz an Betroffenen der Fall.

Unterschied zwischen funktioneller und absoluter Beinlängendifferenz

Zunächst müssen wir sauber unterscheiden zwischen der funktionellen und der absoluten Beinlängendifferenz:

Die funktionelle Beinlängendifferenz lässt sich osteopathisch lösen. Hier sind die Beine anatomisch gleich lang, nur in ihrer Funktion und ihrem Erscheinen liegt eine Differenz.

Bei der absoluten Differenz ist rein anatomisch ein Bein kürzer als das andere. Für die Diagnose werden Röntgenbilder der kompletten Beine angefertigt. Das anschließende Ausmessen der Knochenstruktur liefert den Beleg für eine tatsächlich vorliegende Differenz.

Häufigkeit in der Behandlung

Unter den rund 50.000 Behandlungen in kompletten Laufbahn als Physiotherapeut und Osteopath befanden sich vier Menschen, die tatsächlich eine solche absolute (anatomische) Differenz vorwiesen*

Die Wahrscheinlichkeit für eine funktionelle Beinlängendifferenz ist sehr hoch, die für eine absolute sehr gering. In der Konsequenz heißt das:

Pro Tag weisen mehrere Menschen, die in meine Praxis kommen, eine Beinlängendifferenz (auch „Beckenschiefstand“) auf – ohne, dass sie sich dessen bewusst wären. Doch sobald sie auf der Behandlungsliege ausgestreckt liegen und der Therapeut die Beine anschaut, wird eine Differenz für den Therapeuten meist mit bloßem Auge erkennbar.

Funktionelle Beinlängendifferenz von ca. 1 cm bei einer Patientin, die auf einer Therapieliege liegt. Deutlich wird die Differenz beim Vergleich der Innenknöchel. Linkes Bein der Patientin erscheint kürzer, bzw. rechtes Bein erscheint länger.
Beim direkten Vergleich der Innenknöchel fällt bei der Patientin eine Beinlängendifferenz auf – das linke Bein erscheint im direkten Vergleich ca. 1cm kürzer, bzw. das rechte länger

Problem: orthopädische Einlagen

Kommen hier Einlagen – oder eine einzelne Einlage auf der betroffenen Seite – zum Einsatz, zementieren sie das Problem „von unten“. Sie verschlimmern es sogar, da sie den Körper der Möglichkeit berauben, das Problem selbst zu lösen. Viele Menschen mit Einlagen sagen, die Beschwerden seien besser geworden, dafür hätten sie an anderer Stelle ein dauerhaftes Problem entwickelt.

Ursachen und Lösung von Beinlängendifferenz

Im Rahmen der funktionellen Beschwerden lassen sich 0,5-2 cm Differenz osteopathisch auflösen. Darüber hinaus müssen wir orthopädisch herangehen. Die Ursachen sind selten im Bein selbst zu finden:

In der Regel sitzt die Ursache in Form einer Blockade im Zentralgeflecht, in der Wirbelsäule oder im Becken. Eine solche Blockade kann eine traumatische Ursache haben (etwa einen Sturz) oder sich über einen langen Zeitraum entwickelt haben, etwa eine Verspannung oder Kieferbeschwerden.

Selbst Blockaden in Körperregionen, die weit von den Beinen entfernt liegen – Hals-, Kopf-, Kiefergelenke –, können durch hartnäckige Beschwerden eine Beinlängendifferenz verursachen. Dies geschieht, wenn der Körper versucht, diese Beschwerden andernorts zu kompensieren und auszugleichen.

Warum es sinnvoll ist, eine Beinlängendifferenz zu behandeln

Zunächst: Beinlängendifferenzen sind weitverbreitet und nicht per se gefährlich. Sie werden erst dann problematisch, wenn sie dauerhaft bestehen. Die Folgebeschwerden können vielfältig sein:

  • ein unrunder Gang, bei dem ein Bein deutlich mehr belastet wird
  • Verschleiß in Knie oder Hüfte
  • Arthrose bis hin zum künstlichen Gelenk.
  • Kompensationen und Blockaden an anderer Stelle des Körpers (z.B. Kopf, Wirbelsäule und Becken)

Doch wir gehen ja auf beiden Beinen und beiden Füßen durch’s Leben! Trotzdem kommt es vor, dass nur eine Seite die Last trägt und dadurch einseitig abnutzt. Was hier eine mögliche Gefahr ist: Ein Röntgenbild wird in der Regel ausschließlich von der betroffenen Seite angefertigt. Hier sehen wir nur einen möglichen Verschleiß der unmittelbar betroffenen, vielleicht schmerzenden Region.

Die andere Seite ist jedoch womöglich längst in Mitleidenschaft gezogen, da sie seit langer Zeit den Fehler kompensiert. Für ein ganzheitliches Bild müssten daher immer beide Seiten geröntgt werden.

Irreversible Abnutzung vs. manueller Therapie

Die Last, die der Körper über beide Beine trägt, wird ungleich verteilt. Dadurch übernimmt eines der Beine einen größeren Teil der Last über. Auf Dauer führt dies zu einer einseitigen, irreversiblen Abnutzung.

Was jedoch nicht irreversibel ist: Die funktionelle Beinlängendifferenz kann durch manuelle, osteopathische Therapie dauerhaft behoben werden. Dazu sucht der Osteopath die Quelle des Problems und löst dort die Spannung oder Blockade auf. Er hilft so dem Becken, sich wieder in eine harmonische Position zurückzuverschieben.

Solche Verspannungen können in der Wirbelsäule, im Kiefergelenk und im kompletten Zentralgeflecht liegen. Die Probleme äußern sich in der unteren Extremität, d.h. in Becken, Hüfte, Oberschenkel, Knie, Unterschenkel, Fuß.

Mögliche Ursachen einer absoluten (tatsächlichen) Beinlängendifferenz

  • angeborene Ursache
  • Kinderlähmung (Polio) konnte anatomische Differenzen verursachen
  • Knochenbruch
  • Knochenbruch in der Kindheit, wenn die Wachstumsfuge betroffen ist und das Bein anschließend kürzer bleibt.
  • Operation
  • Unfall 

Mögliche Folgen einer Beinlängendifferenz:

Schmerzen im Zusammenhang mit einer Beinlängendifferenz treten oft im Bereich der Lendenwirbelsäule oder des Kreuzbeins auf. Dies ist der erste Bereich der Wirbelsäule, der das Defizit auffangen und kompensieren muss. Auch ein Bandscheibenvorfall der unteren Lendenwirbelsäule (L4/L5 und L5/S1) kann langfristig daraus entstehen.

Nicht zuletzt kann eine funktionelle Beinlängendifferenz durch eine Schonhaltung verursacht werden.

Ursprung am oberen oder unteren Körperende

Zwei konkrete Beispiele, die zeigen, dass die Ursache vom oberen oder unteren Körperende ausgehen kann:

Beispiel 1:

Jemand knickt mit dem Fuß um. Durch den überstarken Zug auf das Wadenbein wird die ganze Muskelkette bis zum Becken „heruntergezogen“, was sich in einem „zusammengezogenen“, kürzeren Bein äußert. Der Körper nimmt nun diese Schonhaltung ein.

Beispiel 2:

Sogar eine Wirbelblockade in der Brustwirbelsäule oder Kiefergelenksbeschwerden können sich so fortsetzen, dass sie eine Beinlängendifferenz nach sich ziehen. Das Zentralgeflecht ist der Kraftüberträger, der die Spannung nach unten in Becken und Beine transportiert.

Machen Sie den Check! Könnten Sie eine Beinlängendifferenz haben?

Betrachten Sie die Sohlen von Schuhen, die Sie häufig tragen. Ist die Sohle auf der einen deutlich abgetragener?

Oder nehmen Sie Ihre Lieblingshose: Endet der Saum eines Hosenbeins merklich höher oder tiefer als der andere?

Wenn Sie eine Beinlängendifferenz haben:

Sie haben viel gewonnen, wenn Sie die Diagnose bereits vorliegen haben. Im Falle einer funktionellen Differenz können wir Osteopathen Ihnen weiterhelfen: Durch Auflösen der Blockaden (Lockieren®) helfen wir, Spannung zu regulieren und dadurch die Harmonie beider Seiten wiederherzustellen.

Bei einer absoluten oder anatomischen Beinlängendifferenz sind Sie bei Ihrem Orthopäden oder Ihrer Orthopädin gut aufgehoben.


*Hinweis: Dies sind meine eigenen Werte, keine statisch validen Zahlen.

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